Silber am Strand und eine kleine Lehrstunde
Wir standen mit unserem Oldtimer-Bulli auf dem Bulli-Stellplatz des Hotels Bretterbude. Dort kann man in seinem Camper Van übernachten und die Einrichtungen des Hotels mitnutzen. Da noch alle Campingplätze im Corona-Modus entweder geschlossen oder nur für die Dickschiffe mit eigener Sanitäranlage an Bord geöffnet waren, haben wir dieses Angebot gern angenommen. Man steht dort zwar auf einem etwas besseren Parkplatz mit Stromanschluss nicht sehr idyllisch, dafür aber nur 200 Meter von Strand und Seebrücke entfernt.
Meine Google-Recherche hatte einige Spots rund um Heiligenhafen ergeben, die aber alle nur mit dem Wagen erreichbar waren, wenn man nicht stundenlang in Watzeug durch die Felder stapfen will. Da meine Frau kein Interesse zeigte, vor Sonnenaufgang den Bulli startklar zu machen, blieb mir fußläufig nur der Strand als Option. Auf den Google Satellitenbildern kann man ostwärts der Seebrücke eine vorgelagerte Sandbank mit Bewuchs ausmachen. Also abends online noch schnell die Lizenz (siehe Angelerlaubnis Ostsee) besorgt, den Wecker auf 5:00 Uhr gestellt und im Schlaf schon einmal die schönsten Meerforellen gelandet.
Der Morgen begrüßt mich mit einem atemberaubend schönen Sonnenaufgang und leichtem Wind aus Nord-Ost. Ideal um etwas Silber aus der Ostsee zu holen. Rein in die Klamotten und ab zum Strand am sogenannten Graswarder. Das ist eine langgezogene, schmale Düne auf der zwei Handvoll Villen in traumhafter Lage stehen.
Am Strand sind neue Buhnen aus Eichenpfählen eingerammt. Nach einigem Probieren finde ich eine, entlang der ich ohne abzusaufen auf die erste Sandbank laufen kann. Dabei kann ich mich an einer weißen Boje orientieren, die später noch eine bedeutende Rolle spielen sollte.
Auf der Sandbank ist das Wasser zwischen knie- und schritttief. Der Bewuchs ist vielversprechend bunt gemischt und üppig. Wäre doch gelacht, wenn sich hier nicht auch noch ein paar Meerforellen rumtreiben würden. Das erste Dutzend Würfe sind technisch noch recht dürftig, aber dann rieselt der Rost aus meinen im Schwarzwald eingeschlafenen Gelenken und es flutscht recht gut. Recht schnell habe ich einen vielversprechenden Biss auf den bräunlichen Samsö-Killer, der aber leider nicht hakt.
Ich fische die ganze Sandbank entlang, strippe wie ein Weltmeister und wate etwa 200 Meter auf die Seebrücke zu. Leider bleibt es bei dem ersten Kontakt und nach rund einer Stunde habe ich den ganzen Spot beharkt und beschließe, es hier gut sein zu lassen. Bei meinem vermeintlich letzten Wurf habe ich einen fetten Nachläufer, der fünf Meter vor meiner Nase mit einem Sprung zur Seite beidreht. Die Meerforelle zeigt mir dabei noch ihren ganzen 60 cm Bauch. Ein bisschen fühlt es sich so an, als wollte sie mich verhöhnen. Aber dazu sind diese schönen Fische sicher gar nicht in der Lage. Natürlich setzte ich nochmal mit einigen gezielten Würfen nach und wechsele auch noch einmal das Muster. Die Meerforelle hat aber entweder das Weite gesucht oder einfach keine Lust mehr zu spielen.
Auf dem Rückweg mache ich dann einen kapitalen Fehler: Auf gut Glück laufe ich auf die erstbeste Buhne zu. Doch hier ist die Rinne deutlich tiefer und ich stehe bald bis zu den Brustwarzen im Wasser. Da ich die Dünung nun schräg von der Seite bekomme, ist das nicht wirklich witzig. Das Ufer ist zwar nur 50 Meter entfernt, aber unerreichbar. Mir bleibt nichts anderes übrig, als den Rückzug auf die Sandbank anzutreten. Leider hatte ich mir die Buhne, an der ich hinausgewartet bin, im Eifer des Gefechts nicht gemerkt. Ich probiere zwei weitere Buhnen, vor denen sich die Rinne aber auch als zu tief erweist. Langsam machen sich erste Sorgen breit. Eigentlich kann der Wasserspiegel doch in der Ostsee nicht so schnell und so viel steigen. Schließlich gibt es nicht wirklich Gezeiten und der Winddruck ist auch nur mäßig, oder vielleicht doch?
Da fällt mir ein, dass ich beim Herauswaten eine weiße Boje in Verlängerung der Buhne auf der Seeseite der Sandbank gesehen hatte. Also noch einmal die Sandbank ablaufen und seeseitig nach der Boje Ausschau halten. Einige Buhnen weiter bin ich am Ziel. Mit der Boje im Rücken laufe ich auf die Buhne zu und hier ist die Rinne nicht so tief, so dass ich sicher zur Buhnenspitze hinüberkomme.
Dankbar für die kleine Lehrstunde laufe ich auf der Suche nach weiteren Spots noch den restlichen Graswarder ab, finde aber nichts wirklich Interessantes mehr. Ohne Fisch, aber um eine Erfahrung reicher, kehre ich mit Aussicht auf Frühstück zum Bulli zurück.
Fazit: Heiligenhafen ist ein schönes Ausflugsziel an der Ostsee, dass auch nicht-angelnden Partnern einiges bieten kann. Selbst am touristisch voll erschlossenen Strand lassen sich Meerforellen blicken – und vielleicht von begabteren Fliegenfischern auch fangen.